Andrea & Klaus


Donnerstag, 11. Februar 2010…… by Andrea Kuenstle
Februar 13, 2010, 06:00
Filed under: Andrea, Fahrrad(welt)reise, Klaus, Nikon D90, Weltreise mit dem Fahrrad | Schlagwörter:

…….weiter Warten auf die Pakete mit den Ersatzteilen!
In 30 Min beginnt in einigen Teilen Deutschlands der Frohsinn, oder so 🙂
Es ist Weiberfastnacht….

Ich nutze das schöne Wetter um im Wind am Meer zu sitzen und einen Rückblick auf die Reise aber vor allem auf die Türkei zu wagen.
Diese für mich sehr spezielle Zeit hier in der Türkei! Eine Zeit, die nichts mit Romantik zu tun hat.
Ich hatte schon am ersten Tag das Gefühl, dass es anstrengend werden würde, dass ich so viel nicht verstehen würde, dass ich mich unwohl und unwissend fühlen würde.
Und so war es dann auch… die Menschen verhalten sich anders, mir gegenüber als Tourist, Ausländer und noch mal mehr als Frau.
Natürlich machen wir diese Reise um Unbekanntes zu sehen, natürlich wollen wir fremde Kulturen erfahren. Aber es ist schwierig, mit einem Blick die Dinge zu sehen, oder mit einem Gefühl den Dingen zu begegnen, der unvoreingenommen ist, der nicht geprägt ist von dem uns so Bekannten, dem Gelernten.
Als Kind wäre es sicher viel einfacher, diese Muster sind noch nicht verinnerlicht. Deren „Romantikrucksack“ füllt sich erst allmählich und das Spielen mit einem alten Reifen kann genauso viel Freude machen wie mit einem neuen Fußball. Der Romantikrucksack hier in der Türkei füllt sich also mit anderen Dingen als mit denen meiner gefüllt ist. Wir filtern unterschiedliche Dinge und so entstehen unterschiedliche „blinde“ Flecken in der Wahrnehmung.

Wir radeln, Pedal um Pedal durch Landschaften, über Berge, am Meer entlang, durch Dörfer und durch Städte. Dieses Tempo erlaubt uns nicht, das im ersten Moment augenscheinlich „Nicht schöne“ schnell zu verlassen. Wir müssen durch, müssen es uns ansehen, müssen versuchen zu verstehen, dass alles eine Schönheit hat. Erinnert ihr euch an die Bilder der Fotogalerie „Tunnelblick“? So sah es nur 50 m daneben aus:

So kann es auch aussehen

... oder so!

Ich war sehr „müde“ in der Zeit. Zuviel war passiert, was ich nicht verstand. Ich sah fast nur noch Dinge, die ich mit meinem Verständnis von Gesundheit, Mitgefühl, Schönheit nicht vereinbaren konnte.
Also nutzte ich einen Tag und schaute mal genau hin… und da war es… das „Schöne“, was ich fast übersehen hätte: Tunnelblicke!
http://www.backtrekk.de/fotoGalerie/fotoGalerie.php?path=Tunnelblick
Auch wir zeigen euch genau das, was wir glauben was „Schön“ ist
(in Kappadokien oder Poligiano a Mare war das einfach, denn hier ist es einfach schön).
Wir bekommen diese Reise nicht geplant mit genau den Inhalten aus einem Prospekt. Wir müssen… dürfen…. uns auch das andere anschauen:
– ganze Städte mit Häusern aus Holzlatten und abgedichtet mit Plastikfolien
– kaputte Strassen, wenn nicht gar nur Sand und Schlammwege
– unendlich viele unfertige Häuser
– kaputte Schuhe an Kinderfüßen ohne Socken bei max. 5C
– schmutzige Kleidung
– ängstliche Gesichter
– das öffentliche Leben ohne Frauen
– Männer bleiben unter sich
– Hunde werden getreten und geschlagen
– Luftdruckgeräte an den Tankstellen: 9 von 10 Geräten sind kaputt
– Preise werden willkürlich gemacht und wenn du nicht vorher fragst zahlst du bis zum 4-fachen. Ein Tee kann also schon mal 0,5 bis 4 TL kosten (25 Cent bis 2 EURO)

Strassen werden gnadenlos durch die sonst so schönen Landschaften gehauen, teilweise mit Steigungen und Neigungen, die zu reichlichen Unfällen führen. Mit einem Splitbelag, der uns förmlich um die Ohren fliegt und auch anderen Fahrzeugen nicht gut tut.
Lkws sind häufig hoffnungslos überladen und schaffen die Steigungen und Kurven nicht.

Tomatenunfall
Das ganze Land scheint als Müllabladeplatz genutzt zu werden. Man kümmert sich nicht darum (Ausnahmen natürlich die touristisch gut erschlossenen Gegenden, dort gibt es sogar Mülleimer am Straßenrand, die man sonst vergeblich sucht). Hat uns nicht sogar einer gezeigt, den wir nach einem Mülleimer für unsere Tüte fragten, dass wir den doch über die Leitplanke werfen sollten?

http://www.backtrekk.de/fotoGalerie/fotoGalerie.php?path=FotoImpressionenTuerkei

Verbrannt wird alles, was im Weg ist, geheizt wird mit Holz in dem einem Zimmer, das für so ziemlich alles da ist. Die Küche ist draußen, die Toilette für eine ganze Dorfgemeinschaft und immer wieder die Minaretts mit dem Muezzin…. 5 x am Tag schreit er dir in deine Gedanken hinein!

Einmal sagte eine deutsche Frau, die immerhin einen türkischen Ehemann hat:
womit die Türken dieses wunderschöne Land verdient hätten wüsste sie auch nicht!
Darauf wüsste ich auch keine Antwort, aber diese Frage stellt sich mir nicht, denn ich verstehe jetzt viel mehr.
Ich lerne an den mir bekannten Mustern vorbei zu schauen, vorbei zu fühlen. Ein Mann, der mich nicht anschaut, mit mir nicht redet, empfinde ich nicht mehr als unhöflich, sondern als respektvoll. Ist es nicht so, dass uns in Deutschland eine plumpe Anmache von Männern oft ärgert?

Alkohol, hier nicht wirklich gerne gesehen, Glücksspiele verboten, schwarz gebaute Häuser oder Anlagen werden brutal zerstört, Korruption vom Staat…
Sind die ersten 3 Punkte nicht auch immer wieder in Deutschland auf der Diskussionsliste ganz oben?
Sicher, die Korruption gibt es so bei uns nicht. Ich brauche auch keine Angst haben mich an die Polizei zu wenden. Der Staat ist eher unser Helfer als unser Gegner. Aber habe ich nicht gerade erst gehört, dass Deutschland eine Adressliste von Steuersündern kaufen will, die von einem Dieb, also auch einem Straftäter, beschafft wurde? Oh weh, oh weh!

Wie kann man nun diesen erlernten Mustern ein wenig entkommen?
Ich glaube nur bei den Menschen selber, sie anhören, anschauen und verstehen.
Da war eine Frau, die kam uns an einer furchtbaren Steigung mit warmen Pfannkuchen hinterher, wie oft haben wir am Straßenrand einfach so Tee bekommen, wie oft durften wir uns in den Wohnungen aufwärmen, bekamen etwas zu essen und vielleicht sogar einen trockenen Platz zum Schlafen. Wie oft mussten wir nicht handeln, haben für Tee und Essen für Beide 7 TL bezahlt (3,50 EUR), wie oft haben wir auch noch mit Freude etwas zu Essen bekommen, obwohl das Lokal geschlossen war und wie oft hat das Strahlen in unseren und deren Gesichtern den Blick für das Schöne wieder geöffnet. Glück ist hier in der Türkei gastfreundlich zu sein; glücklich sehen die Menschen aus, die vor einem der unzähligen kleinen Läden stehen, in dem sie eines der unzähligen handwerklichen Fähigkeiten ausüben, Fähigkeiten, die man in Deutschland nur noch sehr selten findet. Und selbst der Muezzin passt schon besser in unser neues Muster: manchmal schreien wir sogar lustig mit 😉

Das Gelernte: Habt ihr, die auch diese Jahr Karneval wieder dabei seid, nicht auch genau dieses erlernte Bild, diese erlernten Gefühle, Stimmungen und Gerüche und erwartet ihr nicht auch, dass genau diese wieder erfüllt werden?
Es ist gut für Karneval das Bekannte zu erwarten, aber es ist nicht gut für das Leben, darauf zu beharren und Unbekanntem, vor allem „nicht so Schönem“ mit Unzufriedenheit zu begegnen. Da muss ich noch viel, viel lernen. Das kostet Kraft, aber es lohnt sich.

Die nächsten Muster? Syrien und Jordanien und dann freue ich mich auf Kairo, ein Zimmer im 6. Stock, in dem wir erst noch den Wüstensand heraus fegen müssen, auf Freunde, die einen großen Stallhund haben, der nicht so ganz ohne ist und auf das Kamel, das auch nicht ganz ohne ist. Was auch immer das heißen mag. Wir werden berichten.
Dann auch wieder kürzer 🙂
Andrea & Klaus


3 Kommentare so far
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Hallo Ihr beiden!

Vergangenes Jahr war eine Freundin in Syrien und Jordanien mit dem Motorrad unterwegs. Ich habe Bilder gesehen, Pralinen aus Syrien genascht und ihre Geschichten gehört. Freut Euch drauf! Petra ist in jedem Fall ein Besuch wert und lasst Euch das Essen dort gut schmecken, es ist für unsere europäischen Gaumen sehr fein genießbar. V. a. die süßen Leckereien mit Schokolade sind sehr lecker.

Ich glaube, dass vieles in der Türkei für uns nur schwer oder garnicht verstehbar ist. Es ist eine andere Kultur, die noch wesentlich stärker mit der Religion verknüpft ist als bei uns. Warum man die Natur nicht achtet und schützt, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Doch ist die Türkei sicher kein Einzelfall.

Viele Grüße
Oliver

Kommentar von Oliver

Hi; sich die „Welt“ anschauen, kann manchmal sehr deprimierend sein. Kann man ja garnicht übersehen. Dennoch denke ich, daß Ihr Eure europäischen Maßstäbe an Beurteilungen behalten sollt. Nicht vergleichen. Nein. Aber Stellung nehmen schon. Tiere sind nicht zum Quälen da, – z.B. Kein Mensch sollte ängstlich herumlaufen. Keine Frau sollte dem Manne unertan sein. Was mit geholfen hat, war: die Entstehung solcher Abartigkeiten in historischer Sicht und psycholgischer Analyse verstehen zu wollen. Und je weiter Ihr auf Eurer Route kommen werdet, desto übler wird das, was Euch stört…..
Ihr werdet Europa lieben lernen!!!!
Grüße aus Hellas vom Jogi Alisseos

Kommentar von Jogi Alisseos

„Dann auch wieder kürzer?“

Kürzer fänd ich aber schade(r)! Außerdem hatte ich mich gerade an die Länge gewöhnt…

Aber ob kürzer oder länger, wir freuen uns weiterhin sehr auf neue Berichte und Fotos/Filme von Euch!!!

Ute&Peter

P.S. Jedesmal, wenn wir aus der Türkei zurückkommen, fehlt uns der Muezzin sogar….

Kommentar von Peter Simon




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