Andrea & Klaus


Steinewerfende Kinder und Jugendliche in Jordanien by Andrea Kuenstle
Mai 28, 2010, 06:55
Filed under: Fahrrad(welt)reise | Schlagwörter:

„Wenn ich mir was wünschen dürfte“, war der Titel einer Mail, die wir bereits am 2. Tag in Jordanien an das jordanische Touristenbüro in Deutschland geschickt haben.
Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das eine Kampagne in Schulen gegen das Steinewerfen von Kindern und Jugendlichen gegen Touristen.
Wir sind nun seit 10 Monaten mit unseren Fahrrädern unterwegs, 8600 km weit, davon 5700 geradelt und durch 10 Länder gekommen, die letzten waren die Türkei, Syrien und nun Jordanien.
Bereits am 2. Tag, 10 km vor Amman, der erste Steinhagel.
Noch in der Hoffnung, dass das eine Ausnahme bleiben würde fuhren wir weiter. Und dann, in Al-Janubi (zwischen Al-Karak und At-Tafila), ein Spiessrutenlaufen. Von allen Seiten, aus allen Richtungen, Steine und das teilweise mit voller Wucht und NICHT etwa mit der Absicht uns NICHT zu treffen.
Geworfen wird übrigens immer erst, wenn wir den Steinewerfern den Rücken zu wenden. Unser Grüßen, auch auf arabisch, hat keinen positiven Effekt. Im Rückspiegel sehe ich kurz hinter Klaus einen Jungen ausholen und werfe meine Steine zurück, die sonst eigentlich gegen die wilden Hunde zum Einsatz kommen sollten, die wir aber bislang mit Rufen und unserer Hupe auf Abstand halten konnten. Und nebenbei, von denen gibt es im Verhältnis zu den Steinewerfern sehr wenige.
Natürlich fallen wir auf mit unseren bunten Sachen, natürlich sind es Jungs, Jugendliche,….. aber nichts entschuldigt das Steinewerfen gegen Menschen. Die Verletzungen können zu groß sein.
Der nächste Stein, der flog, traf mit voller Wucht, zum Glück nur Klaus Lenkertasche, verfehlte ihn um 30 cm, geworfen von einem mind. 17 Jährigen. Hätte dieser Stein uns oder einen unserer Hunde in meinem Anhänger getroffen, ein Arztbesuch wäre fällig gewesen.
Und so fuhren wir weiter, auch in den nächsten Tagen sahen wir Jungs Steine aufheben, als sie uns kommen sahen. Auch in Orten, wo es Universitäten gibt, also der Bildungsstand sicher nicht so niedrig ist. In diesem Land sind 60% der Bevölkerung unter 15 Jahre. Bei dieser großen Anzahl potentieller Steinewerfer muss man von einer Reise per Fahrrad durch dieses Land abraten. Wenn nicht….. etwas getan wird, das Problem ernst genommen wird. Wir trafen andere Radfahrer und alle hatten sich bereits mit Steinen zur Gegenwehr „bewaffnet“. Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass man so Jordanien durchreisen muss. Auch wir sind mittlerweile so voller Angst, dass wir unendlich wütend werden und das ist nicht das, was wir auf dieser Reise erwarteten. Zumindest nicht in einem Land, dass sich modern nennt, das Touristen willkommen heißt, dass in Hochglanzprospekten mit der Schönheit und der Freundlichkeit der Menschen wirbt, dass die Gastfreundschaft als höchstes Gut preist und dass so religiös ist.
Die Erwachsenen machen das Steinewerfen sogar vor. Wir beobachteten, wie ein erwachsener Mann, so um die 40 Jahre, einen Stein aufhob um Kinder zu verscheuchen, die uns aus Neugier nahe kamen, während wir eine Pause machten. Wir hatten ihn nicht darum gebeten! Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es diese Kampagne: „Steinewerfen verletzt, körperlich und seelisch“.
Aber es gäbe noch so einige Kampagnen, wie
„Nehmt Rücksicht auf die Natur: Müllentsorgung“, unfassbar, wie manche Orte, in denen es keinen Tourismus gibt,  vermüllen,
„Schutz der Jugendlichen: No Smoking“, denn bereits 12 jährigen Kindern wird gesagt, dass man nur ein Mann ist, wenn man raucht,
eine Kampagne „Umweltbewusstsein“, denn die 4 kleinen Schilder, die wir am Straßenrand (Ausfahrt Al-Karak), viel zu hoch aufgehängt sahen werden nichts bewirken.
Und eine letzte Bitte: belästigt uns Touristen nicht immer mit Rufen wie „Money, Money, Money“, wenn doch sonst keine Konversation möglich ist. Das sollte Jordanien sich wert sein. Bis sich hier sichtlich etwas tut und die Probleme nicht offensichtlich ignoriert oder herunter gespielt werden, werden wir, trotz der landschaftlichen Schönheit, nicht wieder nach Jordanien kommen.


3 Kommentare so far
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Hallo ihr beiden, regelmäßig verfolge ich euren Blog – sehr interessant! Mein Bruder hat vor vielen Jahren eine Fahrratour durch Marroko gemacht mit den selben Erfahrungen mit den Steinewerfern und er war gar nicht bunt gekleidet, aber allein die Tatsache, dass er mit dem Fahrrad unterwegs war hat ihn als ‚reichen‘ Touristen gekennzeichnet. In der Regel wollten die Marrokaner Zigaretten mit denen man sich freikaufen konnte. Money, money, heißt dann ‚cadeau‘- keine Gefälligkeit ohne Hintergedanken. Trotz allem – gute Weiterreise. DiDi

Kommentar von Didi

Wie gut, dass ihr das Land heil hinter euch gelassen habt. Irgendwelche Reaktion von Seiten des Touristenbüros?
weiterhin gute Fahrt!
U&C

Kommentar von Ulla und Carl

Das deutsche Touristenbüro hat sich zurück gemeldet: leiten die Mail weiter und bedauern … 😦 In den Foren gibt es einige Kommentare… von… „wir sollen uns nicht so anstellen, das passiert in Deutschland auch“, über…. „was erwarten wir, wenn wir reichen Touristen….“ bis hin zu qualifizierten anderen Erfahrungen zu diesem Thema. Es ist wohl so, dass wir ALLE an uns und unserer Einstellung arbeiten sollten. Ein langer Weg.

Kommentar von Andrea Kuenstle




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